…gibt es von mir auch was im BoDo zu lesen. Kolumne heißt das. Eigentlich ist es eine Anzeige für einen großen Sozialverband, der aber seit zwei Jahren lieber mich die bezahlte Seite vollschreiben lässt als seine Seniorenheime wiederholt zu loben. Da der Verband nur die Rechte zum Abdruck im Heft hat, kann ich die Texte weiter verwenden. Auch die redaktionellen Beiträge das Straßenmagazins bereiten mir zusehends Vergnügen. Das hat etwas mit dem neuen Chefredakteur, Batian Pütter, zu tun. BoDo kann ich empfehlen, da es nach dem Ableben von Marabo und dem endgültigen Verblassen von Prinz eine große Lücke im Ruhrgebiets-Journalismus zumindest teilweise füllt.
Hier nun die Steiger-Kolumne März 2010:
Dass mit Hartz IV etwas nicht stimmte, konnte man schon in den ersten Tagen deutlich lesen. Die ARGE, bekanntlich das Arbeitsamt für Arme, begrüßte etwa in Recklinghausen seine Kunden mit der Hinweistafel: „Arbeitsgemeinschaft (ARGE) zur Wahrnehmung der Aufgaben nach dem Sozialgesetzbuch II im Kreis Recklinghausen. Bezirksstelle Recklinghausen, Oer-Erkenschwick, Haltern am See“. Das sind sperrige 154 Zeichen. Niemand erwartet hier moderne, effiziente Verwaltung.
Da ist klar, dass bürokratie-logisch Kinder finanziell als 70-Prozent-Erwachsene verwaltet werden und Säuglingen monatlich 11 Euro neunzig für den Alkohol- und Tabakkonsum zustehen, sie aber keinen Bedarf an Windeln haben.
Nach der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes ist die Politik eifrig bemüht, zurecht zu wurschteln, was sie einst zusammengeflickt hat. Denn im Mittelpunkt stand nie, was notwendig ist, sondern immer, was der Staat gerade übrig hat für die Betroffenen. Ob es für Bedürftige jetzt mehr Geld gibt? Wenn es sich nicht vermeiden lässt, vielleicht. Vielleicht gibt es aber für junge Arbeitslose schon bald das Hartz IV plus, 359 Euro im Monat plus 200 Frei-SMS. Das gäbe den ARGEn was Cooles. Wie ja auch ein neuer Name für Hartz IV cool wäre, meint die ebenso unwissende wie zuständige Ministerin Ursula von der Leyen. Hartz IV? Frau Ministerin, für Sie immer noch offiziell ALG 2. Der Rest ist Volksmund, und der lässt sich selbigen nicht verbieten.
Die heftige Debatte um die Hartz-IV-Sätze sehe ich immer noch skeptisch. Sie sind nicht skandalöser als es die Sozialhilfe bis 2005 war. Im Gegenteil, an den neuen Leistungen wurde bewusst so lange rumgerechnet, bis sie zufällig den alten entsprachen. Aber Sozialhilfe, das waren immer die anderen, ganz weit weg, ganz weit unten.
… davon aber eine Menge hat der schon-wieder-OB-Kandidat Joachim Pohlmann (z. Zt. CDU). Heute offenbart er dieses Defizit in der Online-Ausgabe der Ruhrnachrichten:
“In Sachen Kultur macht sich Pohlmann Sorgen um die Finanzierung von Dortmunder U und Theater, bricht andererseits aber eine Lanze für die Hochkultur. In diesem Bereich sollten die knappen finanziellen Ressourcen konzentriert werden. Eher kritisch sieht Pohlmann „die Alimentation mittelmäßiger Angebote der so genannten ‚freien Szene‘, sonstiger subkultureller Szenen und Milieus, die es auch in kleineren Nachbarstädten gebe. Nicht zuletzt müsse Ersatz für die Gastronomie- und Kneipenszene vom Thier-Gelände geschaffen werden.”
Abgesehen davon, dass ich lieber barfuß laufe als mir diesen Schuh anzuziehen, ärgert mich dieses Gelaber des Ahnungslosen immens. Sehen wir einmal davon ab, dass es auch in der Hochkultur zuweilen entschlossen mittelmäßig zugehen soll, dass es vergleichbare Angebote in allen Bereich der “Hochkultur” in anderen Städten der Gegend geben soll, dass einzelne Sparten wie Schauspiel, Oper, Ballett, E-Musik, Museen in anderen Städten durchaus schon mal die Leistungen der Dortmunder Hochkultur erreichen, dass die Freie Szene keineswegs “sogenannt” ist, wie ehemals die “sogenannte Deutsche Demokratische Republik” im Weltbild fürchterlicher Politiker, dass ein Unterschied zwischen freier und Hoch-Subventionskultur zwar besteht, diese sich aber längst treffen, mischen und gegenseitig befruchten, vergisst der mittelmäßige Politiker, der im unwahrscheinlichen Fall seiner Wahl zum OB ebenfalls hochalimentiert würde, dass die Ausgaben für die freie Szene nur einen Bruchteil dessen ausmachen, was Pohlmanns Hochkultur verschlingt. Dringend sollte sich der Kandidat noch vor dem Wahltermin einmal eine Übersicht über die Aufgaben einer Kommune machen. Schnell wird er feststellen: Es ist mehr als eine. Dortmund ist keine Monokultur.
Aber wahrscheinlich offenbart sich Pohlmanns Politikverständnis im letzten Satz des Zitats. Neue Kneipen braucht die Stadt! Jawohl, das erwartet der nüchterne Betrachter von moderner Politik: Dass sie um jeden Zapfhahn kämpft. Das Recht auf Rausch muss gerade in der Innenstadt verteidigt werden.
… scheint es beim Geierabend häufiger zu geben als man ahnt. Ich hatte schon einmal darauf hingewiesen, dass ich vor drei Jahren das Spiel BVB gegen Schalke am 33. Spieltag schon im Januar richtig voraussagte: Schalke reist an als Tabellenführer und wieder ab als Meister der Herzen. Genau so kam es.
Jetzt schlug das Geier-Orakel wieder zu, leider pro Herne-West. Immi von der Südtribüne trägt doch aufgrund einer verlorenen Wette dieses blauweiße Trikot. Ich erkläre im Anschluss, dass es sich dabei natürlich um eine Fälschung aus Kroatien handele. Was stimmt, ein “Freund” hatte es mir geschenkt. Leicht zu raten, welcher Spielernamen auf der Rückseite aufgeflockt ist: Rakitic.
… gibt es auch, wenn der Geierabend vorbei ist. Heute ist so einer. Wenn die Session zu Ende ist, kann man in ein tiefes Loch fallen, die Familie neu kennenlernen, einen Luxusurlaub auf einer etwas abgewohnten Ranch in Mecklenburg-Vorpommern antreten oder mal ohne großen Aufwand auftreten. Das tut nach meiner Erfahrung vom letzten Wochenende einfach nur gut.
Die AWo-Oppas feiern heute in Letmathe mit ihrer Namensgeberin, dem gleichnamigen Arbeiterhilfsdienst. Das besondere: Martin Eickmann (Karl-Heinz) kehrt an die Stätte der wilden Jugend zurück. Hier im Saalbau spielte er einst mit seiner Rock´n´Roll-Formation “Grandpa´s Nightcap” auf. Das muss damals nicht nur ein aufregender Bandname gewesen sein.
Hans-Peter Krüger geht auch auf die Heimatbühne. Im Fletch Bizzel unweit der Dortmunder Innenstadt kann man ihn heute und morgen jeweils um 20.30 Uhr sehen in “Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“ von Ali Jalaly (nach dem Roman von Eric-Emanuel Schmitt). Mal sehen, ob er den Herrn besser präsentiert als ein gewisser Omar Sharif in der Verfilmung des Werkes.
Einer wird den Großteil des Abends schweigen. Geierabend-Tubist Matthias Dornhege. Gut, mit Tuba im Mund spricht es sich auch schlecht. Dabei hätte er heute was zu sagen oder besser zu rezitieren: Einen echten Dornhege nämlich. Wie im Blog berichtet, ist der Castroper Philosoph in einer fein zusammengestellten Sammlung der Ruhrgebietspoesie vertreten. Eine Erstveröffentlichung. Also, es ist das erste veröffentlichte Gedicht von Matthäus. Zitat aus der Ankündigung:
„Stimmenwechsel“ - eine Buchvorstellung & ein kurzweiliger Abend zur Poesie längs der Ruhr.
20 Uhr, HundertMeister, Dellplatz 16a, 47051 Duisburg. Eintritt: 3,50 Euro; Eintritt frei für Autorinnen & Autoren von
„Stimmenwechsel“ und für Sie (damit bin ich gemeint, dS.) als geladener Gast. (Da ich verhindert bin, könnte jemand in betrügerischer Absicht unter meinem Namen die Freikarten abgreifen. Ich könnte nix dagegen tun, dS.) 0203 279 16 oder karten(at)hundertmeister.de. Kurzlesungen und kleine Gespräche mit den Autorinnen und Autoren Ivette Vivien Kunkel, Katharina Bauer… Thomas Gsella, Ralf Thenior, mit Prof. Dr. Herbert Kaiser, Gerd Herholz und Verena Geiger vom Literaturbüro Ruhr und Ulli Langenbrinck von den SalonLöwinnen. Musik: Connected Horns.
Die Connected Horns gehören zur Geierabendgroßfamilie. Mit dabei ist eben jener Tubakünstler, dazu Benny Mokroß, Schwager des Schlagzeugers, sowie Johannes Brackmann, Geierabend-Hausfreund vom Essener Grend. Ach ja, ganz kann Matthäus den Mund doch nicht halten. Zum Schluss will er mit den Bandkollegen die “Fuge aus der Geographie” vortragen, ein musikalisches Sprechwerk, das rhythmisch mit den Ortsnamen der Region spielt. Das kennen Hardcore-Fans bereits. Anfang des Jahrtausends interpretierte die Band das von Dornhege betextete Werk schon einmal auf Zeche. Hörenswert!
Was aber tun die anderen Kollegen? Keine Ahnung. Ich kann ja mal die “Bunte” fragen.
… bisweilen, wenn ich nach Köln blicke. Da sparen wir uns das Wasser vom Munde ab, mit dem wir den Phönixsee fluten wollen. Und dann kündigt der Kölner an, gleich seine ganze U-Bahn fluten zu wollen. Aber der Neid verfliegt, wir planen tatsächlich, im Frühjahr wie versprochen 17000 Liter Wasser in die Baugrube in Dortmund-Hörde zu kippen. Das soll eine große Party geben. Viele Geierabendbesucher haben schon ihre Solidarität bekundet. Sie wollen von zuhause gefüllte Eimer und Kanister mitschleppen. Wir planen derzeit, laden aber rechtzeitig zu “Bürger fluten ihre Stadt” ein.
Ein weiterer Nachtrag. Castrop-Rauxel, unsere Partnerstadt, liegt uns weiter am Herzen. Beim Quiz auf Zeche konnte jeden Abend ein Besucher oder eine Besucherin einen gültigen Vierer-Fahrschein des VRR gewinnen. Damit können zwei Personen nach Castrop und zurück reisen. Zumindest können sie das von Dortmund, Herne, Bochum, Datteln und Recklinghausen aus. Wer eine längere Fahrt hat, muss eventuell mit etwas Angst auf den letzten Kilometern rechnen. Ich würde mich über erste Expeditionsberichte freuen. Wir legen aber nach. Unter den 37 Gewinnern verlosen wir 20 Exklusivreisen für jeweils zwei Personen in die Partnerstadt. Mehr Menschen dürfen wir leider nicht in den Bus packen. Start voraussichtlich im April. Es geht an einem Samstag Nachmittag in die “Industriestadt im Grünen”. Man trifft die Stadtspitze, erfährt einiges über den Ort, wird super verpflegt und zwischendurch von bekannten Geierabend-Figuren begrüßt. Nachher wird es einen spannenden Reisebericht geben, hier auf der Homepage, auf www.myspace/geierabend.de und in den Medien.
Zum Schluss noch eine Klarstellung. Noch am Wochenende wurde ich in Dorsten angesprochen, ob es denn wirklich mein letzter Geierabend sei. Mh. Zu Beginn des Abends behaupte ich das seit Jahren. Mal möchte ich Oberbürgemeister-Kandidat der Dortmunder SPD werden, mal die RAG übernehmen, ein anderes Mal nach China auswandern, wo täglich mehr Zechen schließen als das Ruhrgebiet in den letzten 20 Jahren betrieben hat.
In diesem Jahr sah ichmich als den Michael Schumacher des Geierabends. Gäbe mir jemand sieben Millionen im Jahr, sagte ich, noch morgen nähme ich die Arbeit auf auf Zeche Mercedes in Gladbeck. Jetzt mal ganz schnell Google anschmeißen oder in den Gelben Seiten Gladbeck nachschlagen: Gibt es da eine Mercedes-Zeche oder einen Silberpfeil-Schacht? Na? Gibt es in Gladbeck überhaupt irgendeine Zeche? Wie stehen also die Chancen meiner baldigen Abkehr? Und: Kann man sich ein Unternehmen vorstellen, das mir sieben Millionen im Jahr aufs Konto schiebt? Sehe ich aus wie Regina van Dinther, dass mir jemand für zweimaliges Kaffeetrinken 30 000 Euro gibt? Oder wie Jürgen Rüttgers, dass einmal am Steiger packen 6000 Euro bringt?
Ach ja. Man wird doch mal träumen dürfen, wenn so ein Geierabend losgeht.